Marius Daniel Popescu — Die Wolfssymphonie

Über dieses Buch

Popescus Roman ist voller eindringlicher Geschich­ten. In einer ausserordentlich dichten und intensiven Sprache lässt er einen Grossvater dem Enkel von dessen Kindheit und Aufwachsen in Rumänien während und nach der Diktatur Ceausescus erzählen – vom Vater, der starb, als er noch ein Kind war, und von der Grossmutter, die die Mutter ersetzte, weil die­se ihr Leben in der Stadt lebte, von den Hühnern im Hof, dem Fussballspielen unter den Kirschbäumen, dem Fischen im Fluss, von den Zigeunern, den Bauern und den arbeitslosen Fabrikarbeitern. Es sind die kleinen Dinge, aber auch die grossen Leidenschaften und Tode, die rasende Fahrt auf dem Trittbrett eines Zuges und das Verenden eines Pferdes, dessen Hufe auf einer Metallplatte angeschweisst wurden. Popescu kann zuhören, er kann zusehen und mitfühlen, er kann verzaubern und verwandeln, fluchen und lachen. Popescus Stimme hat eine urtümliche Kraft. Sie spricht, als würde hier zum ersten Mal gesprochen. Mit seiner Sprachmacht, die die Macht der Sprache anzweifelt und sie bekämpft, höhlt er das alltägliche Gerede aus.

Frage: In Ihrem Buch sagen Sie wiederholt, dass es gewisse Wörter nicht geben dürfe, „Partei“ zum Beispiel, „Ehering“, „Schule“, „Leben“ oder „Sprache“. Das ist paradox für einen Schriftsteller.

Popescu: „Stimmt, es ist etwas seltsam, Wörter zu gebrauchen, um zu sagen, dass es Wörter nicht geben dürfte. Für mich schliesst das, was man sehen, hören und riechen kann, die Wörter aus. Wenn etwas gut ist, braucht man nicht zu sagen, dass es gut ist. Stellen Sie sich zwei fressende Wölfe vor. Sagen die sich oder einander, dass es gut schmeckt? Nein, Sie schauen sich an. Seit ein paar tausend Jahren sagen wir, dass uns die Wörter helfen, Widerstände zu bezwingen und Hindernisse zu überwinden. Aber seit der Steinzeit haben wir uns nicht gross verändert. Was wir sagen ist anders als das, was wir in unserm Kopf haben. Die Wörter erlauben uns nur, uns zu belügen, abzuhauen und uns gegenseitig zu betrügen. Wofür sind Wörter also gut? Zum Schreiben, vielleicht.“

 

Bibliographische Angaben

Marius Daniel Popescu
Die Wolfssymphonie
Aus dem Französischen übersetzt von Michèle Zoller
(La Symphonie du loup, Editions José Corti, Paris 2007)
ISBN 978-3-906050-03-4
Gebunden, mit Schutzumschlag
18,5 x 12 cm, ca. 600 Seiten
Euro 29.- / sFr. 39.95

Erscheinungstermin: Februar 2013

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Pressestimmen

„Popescus geradezu in schamanischer Trance vorgetragene Prosa handelt von nichts und allem, sie befasst sich mit dem Leben und dem Nonsens, sie legt literarisch Zeugnis ab von der rumänischen Diktatur und verwandelt Biografie in Literatur. ‚La poésie est partout‘, sagt er und träumt nicht mit Flaubert von einem Roman über nichts, sondern von einem Buch, das nie endet.“ Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung

Zu Besuch beim Schriftsteller Marius Daniel Popescu. Porträt von Martin Zingg aus der NZZ vom 2.4.2013